Ein Erfahrungsbericht von einer Mutti, dessen Tochter eine Betroffene ist:

 

 

Eigentlich wollten wir neu anfangen...

Meine Tochter beendete die Schule und begann die Lehre in ihrem Traumberuf.

Ich war überglücklich und sah freudig in die Zukunft.

Doch trotzdem meiner Tochter die Lehre viel Spaß machte und voll darin aufging, klagte sie immer wieder über Kopf- und Bauchschmerzen, Schwindel und Panickattacken...

Die Ärztin meiner Tochter konnte jedoch keine körperliche Erkrankung feststellen. Daraufhin überwies sie meine Tochter zu einer Nervenärztin.

 

Die Nervenärztin überwies meine Tochter in eine Tagesklinik.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich:"Okay, nach 12 Wochen Tagesklinik ist alles wieder gut."

Aber es kam anders...

Es stellte sich heraus das meine Tochter an einer Borderlinestörung (ausgelöst durch Missbrauch) erkrankt ist.

Ich hatte das noch nie gehört und musste mich erst mal darüber informieren um zu wissen was Borderline ist...

Es war ein Krankheitsbild das so viele Symptome und Auswirkungen hat.

Es zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Da sind so viele kleine Dinge die zusammen kommen, das Leben mit dieser Krankheit ist ein auf und ab.

Ängste und Panikattacken werden von Essstörung und Selbstverletzungen abgelöst.

Jeder Tag ist anders... wenn ich von der Arbeit komme ist der Gedanke:" Wie geht es ihr?"

Manchmal ist sie voller Unruhe und muss zu Hause raus, dann laufen wir mit unseren Hund durch die Natur  und das meistens sehr schnell. Es war wie eine Flucht.

Es gab Zeiten da liefen wir im dunklen über Wiesen oder Uferwegen. Meine Tochter schien keine Angst zu haben, bei unserem Hund und mir sah das anders aus... Heute weiß ich das diese Empfindung gestört ist und sie dadurch abgestumpfter ist.

 

Für mich ist es sehr schwer das meine Tochter unter einer Amnesie leidet. Die guten Erinnerungen an ihre Kindheit sind verschwunden...

Sie kennt es heute nur noch von Bildern und Erzählungen, das heißt das wichtigste in ihrem Leben fehlt... IHRE KINDHEIT.

Mir tut es unendlich weh!

 

Was mich noch beschäftigt sind die sogenannten Flashbacks.

Sie sind für meine Tochter ständig da. Es reicht eine falsche Berührung, ein falsches Wort, ein Geruch oder auch ein Geräusch um einen Flashback auszulösen.

Es ist sehr schwer für mich zu lernen was richtig und was falsch ist, denn ich weiß nicht was bestimmte Berührungen oder Worte bei ihr auslösen können.

Ich habe mir angewöhnt zu fragen ob ich sie anfassen oder umfassen darf, aber ein ja bedeutet für mich nicht ob es okay ist oder ob sie es einfach nur aushält...  ich habe immer das Gefühl, dass etwas zwischen uns steht. Dadurch ist die Vertrautheit und die Nähe verloren gegangen.

 

Da sind die Ängste: ein großes Problem ist, das meine Tochter nicht zum Arzt gehen kann. Sie hat Angst vor Berührungen. Da sie aber unter Schmerzen leidet, wäre es gut diese abzuklären. Meine Sorgen sind da sehr groß. Aber einfach einen Termin zu vereinbaren ist nicht die Lösung, da ich sie damit unter Druck setzen würde, was die Gefahr der Selbstverletzung wieder steigern würde.

Ich habe manchmal das Gefühl es dreht sich alles im Kreis.

Da ist auch die Angst vor großen Menschenmengen. Ihr Therapeut riet ihr unter anderen zu Konzertbesuchen. Das machen wir auch gern, aber nicht in der Menge, sondern abseits.

So gehen wir lieber zu Openairs als in einen Saal.

 

Ein geregelter Tagesablauf ist sehr wichtig, spontane Aktionen überfordern leicht und setzen sie unter Stress.

Eine Phase gab es wo der Körper komplett lahm gelegt wird. Meine Tochter konnte sich dann nicht mehr bewegen. Sie saß oder lang dann regungslos da, was bis zu einer Stunde anhielt. Dabei war der Körper ganz kalt, so als ob er nicht richtig durchblutet ist. Ich deckte sie dann mit einer Decke zu und wir unterhielten uns bis sie sich wieder bewegen konnte.  Die ersten Bewegungen vielen ihr dann sehr schwer. Es war eine schwere Zeit zur Arbeit zu gehen und nicht zu wissen ob sie aufstehen oder auch Hilfe rufen kann...

 

Die Essstörung ist eine große Belastung für beide Seiten. Zu sehen wie meine Tochter immer mehr an Gewicht verliert, zerreißt mich fast vor Schmerz. Ich versuche besonders in den schwierigen Phasen ihre Lieblingsspeisen vorzubereiten. Es gibt Tage da isst sie nur einen Apfel, da vor jeder Mahlzeit Kalorien gezählt werden. Dann stellt sich meine Tochter teilweise bis zu 5 mal (und auch mehr) auf die Waage.

 

Wir nehmen unsere Mahlzeiten immer gemeinsam ein.

Wenn, das Essen schwer fällt  gehen wir danach spazieren damit nichts ansetzen kann.

Das ist mir lieber, als wenn sie zu Hause sitzt und den Gedanken hat sich zu übergeben.

Ich habe das Gefühl das ich ihr mit den Spaziergängen helfen kann.

 

Trotz dieser Krankheit haben wir ein gutes Verhältnis. Wir gehen sehr offen miteinander um, was ich auch sehr wichtig finde um ihr Verhalten zu verstehen. Ich werde sie weiter mit viel Verständnis und Geduld begleiten.

Mein Ziel ist es meine Tochter so zu unterstützen das sie wieder eine Lebensqualität erreicht.